R&STkollektiv: Limited Liberty | Installation mit Notizen des N.N. (Notorischer Nörgler)
28.04 - 14.05.2021
Foto restkunstkollektiv
Foto Restkunstkollektiv
R&STkollektiv, Schneckenspuren auf Leinwand, 140 x 210 cm, 2021   mehr.....

Pressetext:
Als Beitrag zur Reihe SEELENKLIMA schaut das Ausstellungsprojekt „Limited Liberty - Ich weiß nicht wer ich sein werde (P.B.Preciado)“ - auf die Spezies der Nacktschnecke (Arionidae) als ein dys- und utopisches Transformationsmodell der menschlichen Natur und folgt ihren Spuren in Assoziationsbereiche einer wirbellosen Populationsform des Planeten Erde.
Die Installationen, wie sie in den drei Hamburger Ausstellungen des R&STkollektivs für dieses Jahr 2021 geplant sind, lassen sich im weitesten Sinne als Szenarien von Leben auf dem Planeten lesen. Sie versichern uns einerseits in Form eines greifbaren Bildes, das die Wirklichkeit zu erklären mag. Als Modelle gelesen provozieren sie jedoch durch  immanente Unschärfen eben jene Unsicherheiten, vor denen sie schützen sollen.
Ein ähnlich ambivalentes Bild ergibt sich mit dem Blick auf die Gattung der Nacktschnecken, als Beispiel einer die Krisen des Planeten überdauernden, sonderbaren Körperlichkeit und Lebensform. Krisen der Gattung Mensch zeigen sich zuerst an den Bildrändern ihrer gesellschaftlichen Organisationsstrukturen. Eröffnen sich von diesen Randbereichen des Verstecken und Ausgesonderten her andere Möglichkeiten des Lebens und Überlebens? Macht es für die Gemeinschaft auf dem Planeten Sinn, an einem radikal ausgrenzenden kapitalistischen System festzuhalten, das mit einem Anspruch auf ein Höchstmaß an individueller Freiheit auftritt? Kann ausgerechnet Kunst, mit ihren Idealen von Individualität und Diversität alternative Handlungsräume einer sich selbst gefährdenden Weltgemeinschaft entwickeln? Gibt es gegenüber den Spuren der Machtausübung und Kolonialisierung andere Silberspuren in der Geschichte des Planeten? Welche Formen des Wissens und der Weitergabe von Fähigkeiten werden notwendig sein? Was schiebt auf der anderen Seite, im Dunklen, jenseits des Denkbaren, im Verborgenen?

Schnecken entwickeln als Bauchfüßler in einer Kriechbewegung Kommunikationsformen, auf meist unsichtbaren Netzsystemen von Wegen. Sie hinterlassen Spuren aus Körperschleim, einer hautähnlichen selbst produzierten Substanz. Sie zeigen verlangsamte Mobilität, körperliche Flexibilität und verfügen über Methoden der Umkehrung und Umstülpung. Ihr sensorisches System ist spezialisiert auf verborgene Randzonen, auf Zonen der Dunkelheit, der Feuchtigkeit. Sie nutzen wechselnde Körper-Identitäten, bespielen so Räume zwischen feminin und maskulin, zwischen innen und außen.
Drei Zonen gliedern den Ausstellungsraum
1. Messgeräte und Vorrichtungen machen äußere Wetteraspekte sichtbar. Andere Elemente fokussieren damit verknüpfte innere sensorische Bereiche.
2. Temporäre Behausungen, Unterkünfte, Habitate für Nacktschnecken werden objekthaft wie Modelle von Siedlungsformen aufgebaut.
3. Flächen aus präparierten Leinwänden zeigen Schleimspuren der Arionidae als Wegesysteme, als seelen-topografische Aufzeichnungen migrantischer Randbewegungen.

Das R&STkollektiv befragt die Rolle lokaler künstlerischer Äußerungen in Zeiten pandemischer Verwerfungen und globaler Krisen. Unterlegt wird das Projekt durch situative Lesungen aus die Reihe der Planeten, ein Manuskript des Kollektivs, das einen performativen Subtext zu den Ausstellungssituationen bildet.

CV: Im Hamburger R&STkollektiv sind Brigitte Raabe, Michael Stephan und PT tätig. Alle drei absolvierten in den 80er Jahren ein Studium der Bildenden Künste. Brigitte Raabe und Michael Stephan arbeiten seit 2004 als Künstlerduo zusammen. PT war 1999 Mitgründer des LIFEservice. 2009 begann die gemeinsame Arbeit der drei Künstler*innen, die dann zur Gründung des Kollektivs führte. Im Zusammenhang der Projektreihe von Haus zu Haus, KUNSTRAUM Tosterglope, 2013-15 entwickelten sie das Ereignisformat einer AHP. Das Kürzel setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Worte Aktion, Happening und Performance zusammen. Es lässt sich auf Alltags-Handlungs-Praxis oder alltägliches Handlungspotential beziehen. 2019 wurde die Publikation »Die Reihe der Planeten« herausgebracht. Ein Buch, das kein Buch sein will. Ausstellungen u.a.: »Künstlerbücher für Alles«, Weserburg, Zentrum für Künstlerpublikationen, Bremen, 2017; »Die Reihe der Planeten«, inszenierte Lesung, R&STsalon, Hamburg, 2019; »The Corona Lessons«, Wallnewspaperproject, R&STschaufenster, Hamburg, 2020. https://restkunst.net/
Der 04. Beitrag zum Jahresprogramm SEELENKLIMA des EINSTELLUNGSRAUM e.V. 2021
Einführung: Ulla Lohmann | Sammlung C-15


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